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Armut und nicht 'Kulturkreis' verhindert Schutz vor Infektionen

Am 9. November veröffentlichte die Gesundheitsbehörde eine Aktualisierung der Corona-Infektionen nach Wohnort. Seit Anstieg der Zahlen im September konnte festgestellt werden, dass im Gegensatz zur ersten Welle, die Infektionen in den Stadtteilen ungleich verteilt sind. In der zweiten Welle sind demnach besonders die Stadtteile betroffen, in denen die Menschen im Durchschnitt weniger Wohnraum zur Verfügung haben und deutlich häufiger prekär beschäftigt sind. Die Stadtteilstatistiken wurden teils zum Anlass genommen, stigmatisierende Äußerungen über die Menschen in bestimmten Quartieren und mit bestimmter Herkunft zu tätigen.

Cindi Tuncel, migrationspolitischer Sprecher und Abgeordneter aus Tenever für die Fraktion DIE LINKE in der Bremischen Bürgerschaft, ist entsetzt, welchen Vorwürfen die Bewohner*innen nun ausgesetzt sind: „Wer in einer Villa lebt, kann sich besser vor Corona schützen als jemand, der sich mit 300 Menschen in einem Hochhaus einen Aufzug teilen muss. Auf der ganzen Welt lässt sich feststellen, dass Menschen aus ärmeren Verhältnissen am stärksten unter der Pandemie leiden. Zum einen können sie sich selbst deutlich schlechter vor einer Infektion schützen, da sie deutlich beengter wohnen, täglich mit Bus und Bahn zu ihren Jobs fahren müssen, die mehrheitlich nicht für Home-Office geeignet sind. Gleichzeitig leiden sie am stärksten unter den Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie, da es ihre Jobs sind, die als erstes wegfallen und die Kinder zuhause weniger Unterstützung beim Lernen erfahren können. Auch die OECD bestätigt diese Befunde und befürchtet, dass sich aus der weltweiten Corona-Pandemie Stigmatisierung gegen Menschen und Quartiere entwickeln. Dem stellen wir uns entgegen und wollen gleichzeitig passgenaue Unterstützungsangebote für die ärmeren Stadtteile organisieren.“

„Ich bin seit Beginn der Pandemie mit vielen Menschen aus Tenever in Kontakt, weil sie Angst haben, sich zu infizieren und sich sorgen, ihre Jobs zu verlieren. Wenn sie nun aus der Politik hören, dass ihr im ‚Kulturkreis‘ zugrunde liegendes Verhalten für die höheren Infektionszahlen verantwortlich sei, fühlen sie sich im Stich gelassen. Es wird der Eindruck erweckt, als würden sie sich weder um die eigene Gesundheit noch die der anderen sorgen. Das ist verletzend und hilft bei der Problembewältigung kein Stück weiter. Der CDU-Abgeordnete Heiko Strohmann schiebt mit dieser Aussage die Verantwortung auf die ab, die ohnehin derzeit am stärksten leiden. Es muss unsere Aufgabe sein, dass sich alle Menschen gleichermaßen vor Infektionen und anderen gesundheitlichen Beeinträchtigungen schützen können. Stigmatisierung bewirkt das Gegenteil“, so Tuncel abschließend.